Das Burnout-Syndrom zählt nun schon seit etlichen Jahren zu den Volkskrankheiten, die Millionen von Menschen in den westlichen Ländern betreffen. In der ICD-10, dem weltweit anerkannten Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen, spielte das Burnout-Syndrom aber bisher eine sehr untergeordnete Rolle.

Medizinische Diagnosen orientieren sich an der Symptomatik

Der Hintergrund ist, dass bei der Diagnostizierung nach ICD-10 grundsätzlich die individuelle Symptomatik im Vordergrund steht. Für den Fall des Burnout-Syndroms würden also als medizinische Diagnosen beispielsweise Depression, Erschöpfung, Schlafstörungen, Angstzustände sowie weitere begleitende somatische Beschwerden wie Muskelverspannungen, Appetitlosigkeit, diverse Infekte und viele mehr in Frage kommen. In der psychiatrischen, psychotherapeutischen und neurologischen Fachwelt wurden bereits über 160 Einzelsymptome als mögliche Erscheinungsformen des Burnout-Syndroms benannt. Es handelt sich hierbei um Symptome, die im Zusammenhang mit einem Burnout-Syndrom auftreten können, aber nicht müssen.

Stellenwert der ICD für die ärztliche Diagnostik

ICD steht für „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“, auf Deutsch „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“. In Deutschland müssen Ärzte die Diagnose eines Patienten nach ICD verschlüsseln. Die momentan noch gültige Version ICD-10 wird seit Anfang der Neunzigerjahre angewendet. Für die Aktualisierung arbeiteten sich Vertreter der 194 Mitgliedstaaten der WHO im Rahmen der 72. Weltgesundheitsversammlung (World Health Assembly, WHA) durch den Katalog der 55.000 anerkannten Krankheiten, Symptome und Verletzungsursachen.

Burnout ohne verbindliche Definition in der ICD-10

Das Burnout-Syndrom als Diagnose findet sich in der ICD-10 lediglich als Inklusivum unter dem Code Z73: Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung. Aufgrund dieser weit gefassten und dadurch ungenauen Beschreibung können mit dem Code Z73 auch andere Problematiken versehen werden, die weitaus weniger schwerwiegend sind als das Burnout-Syndrom. Der Code Z73 definiert das Burnout-Syndrom nicht als eigenständiges Krankheitsbild, sondern weist lediglich darauf hin, dass Umstände oder Situationen vorliegen, die Auswirkungen auf den Gesundheitszustand haben. Eine genauere Definition des Burnout-Syndroms findet in der ICD-10 nicht statt.

Begriffsbestimmung in der ICD-11

Dies soll sich mit der Nachfolgeversion ICD-11 ändern. Die ICD-11 wurde im Mai 2019 von der Weltgesundheitsversammlung, einem Gremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO), verabschiedet und tritt 2022 in Kraft. In der ICD-11 wird nun das Burnout-Syndrom erstmals genauer definiert. Wichtige Eckpunkte der Definition des Burnout-Syndroms laut WHO sind:

  • das Gefühl des Ausgebranntseins,
  • eine innere Distanz zur Arbeitsstelle, oft verbunden mit einer negativen Haltung zum eigenen Job oder Zynismus und
  • geringere berufliche Leistungskraft. (Vgl. WHO)

Das Burnout-Syndrom sollte nach Einstufung der WHO ausschließlich für berufliche Zusammenhänge verwendet werden, da es aus chronischem und nicht erfolgreich verarbeitetem Stress am Arbeitsplatz resultiere. Bisher war das Burnout-Syndrom laut ICD-10 auch auf andere Lebensbereiche anwendbar.

Ist das Burnout-Syndrom eine Krankheit?

Die WHO hielt es nach etlichen Falschmeldungen bzw. ungenauen Berichten in den Medien für sinnvoll, die Neuerungen bezüglich des Burnout-Syndroms in der Neufassung der ICD zu präzisieren. Die Nachrichtenagentur AFP hatte im Mai 2019 im Zusammenhang mit der Verabschiedung der ICD-11 eine WHO-Pressemeldung unzutreffend interpretiert. Etliche Medien, darunter Spiegel Online, hatten daraufhin berichtet, die WHO stufe nun das Burnout-Syndrom als Krankheit ein – eine Falschmeldung. Einige Berichte, die auf die Fehlinterpretation der AFP zurückgehen, sind weiterhin online, z. B. https://www.rehakliniken.de/news/who-erkennt-burn-out-als-krankheit-an.

Auf ihrer Website stellte die WHO daher Ende Mai 2019 klar, dass auch in der ICD-11 das Burnout-Syndrom weiterhin nicht als Krankheit klassifiziert ist, sondern immer noch als „Faktor, der den Gesundheitszustand beeinflusst“. Burnout ist damit ein Risikofaktor für Krankheiten wie Depression oder Sucht – und nicht Depression oder Sucht ein Symptom für Burnout. Die wesentliche Änderung in der ICD-11 im Vergleich zu Vorgängerversion ICD-10 besteht also in der oben aufgeführten Begriffsbestimmung.

Ist Burnout ausschließlich ein Phänomen der Berufswelt?

Der enge Bezug des Burnout-Syndroms auf das berufliche Umfeld wurde nach Bekanntwerden der WHO-Definition in Fachwelt und Publikumsmedien äußerst kritisch diskutiert. Die Gegenposition geht davon aus, dass die Folgen durch Überforderung in der Familienarbeit, z. B. durch Kindererziehung und Pflege kranker oder betagter Angehöriger ebenfalls unter dem Burnout-Syndrom zu fassen sei. Kritiker weisen darauf hin, dass die Beschreibung des Burnout-Syndroms sich ursprünglich sogar aus Beobachtungen herausentwickelt habe, die auf private Umstände zurückgingen, und der Begriff erst etwas später für ähnliche Phänomene im beruflichen Umfeld verwendet worden sei.

Beispielhaft für eine kritische Stimme steht ein Interview mit Dr. med. Dr. phil. Stefan Nagel, Chefarzt der Abteilung Psychosomatik der MEDIAN Klinik Heiligendamm (siehe hier). Dr. Nagel hält die WHO-Definition für „unvollständig, einseitig und wenig hilfreich“ und findet es geradezu „widersinnig“, dass ein Überforderungszustand dann nicht mehr als Burnout zu bezeichnen sei, wenn er nicht aus bezahlter, sondern aus privater oder ehrenamtlicher Arbeit entstehe.

Ein weiterer Kritikpunkt an der WHO-Definition besteht darin, dass sie außer Acht lässt, dass die Burnout-Problematik, auch wenn sie in erster Linie aus beruflichen Umständen entsteht, nie ausschließlich das berufliche Leben betrifft, sondern immer auch weit in das Privatleben des Betroffenen hineinreicht. Kein von Burnout Betroffener wird sich in der Arbeit erschöpft, überflüssig und unzureichend fühlen, im Privatleben aber vor Energie, Zuversicht und Tatendrang strotzen. Die ICD-11-Definition ignoriert demzufolge, in welch tiefgreifendem und lebensänderndem Zusammenhang das Burnout-Syndrom zu sehen ist.

Burnout eine Frage der Bewältigungsstrategien?

Fraglich ist auch die Rückführung des Burnout-Syndroms auf „nicht erfolgreich bewältigten“ Stress am Arbeitsplatz. Die Formulierung verlagert die Burnout-Problematik recht weit in den Bereich des Einzelnen: als ob Betroffene nur die richtigen Bewältigungsstrategien bräuchten, um mit ihrer Lebenssituation klarzukommen. Von diesem Standpunkt aus wäre Burnout eine Folge mangelhaften Copings des Betroffenen. Dies stellt implizit in Frage oder lässt zumindest offen, ob es nicht auch ein pathogenes Maß an Stress gibt, das sich vom Einzelnen gar nicht mehr bewältigen lässt.

Im einen Fall ist die Konsequenz, dass den Burnout-Patienten die nötigen Strategien zur Bewältigung ihrer Lebenssituation „antherapiert“ werden müssen. Im anderen Falle wären aber doch auch sehr stark Politik und Arbeitswelt dazu aufgefordert, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass die Gesundheit nicht derart stark durch die Arbeit gefährdet ist. Die Verantwortung für Burnout-Zustände läge damit mehr im gesellschaftlichen, nicht so sehr im individuellen Bereich.

Vertreter der WHO-Definition setzen dagegen: Die ICD ist ein Handwerkszeug der Medizin. Arbeitsbedingungen und -belastungen zu verändern ist nicht Aufgabe der Medizin und liegt auch außerhalb ihrer Möglichkeiten. Im Rahmen geeigneter Therapien kann die Medizin ausschließlich die Stressbelastbarkeit des Patienten verbessern. Reduziert man das Burnout-Syndrom zu sehr auf externe Faktoren wie die objektive Arbeitsbelastung, wird der Blick auf den eigenen Anteil des Betroffenen versperrt.

Abgrenzung Depression und Burnout weiter unklar

Die ICD-11 lässt weiterhin ungeklärt, ob das Burnout-Syndrom eine Unterform der Depression ist, wie es in der Fachwelt seit vielen Jahren kontrovers diskutiert wird. Mehr noch: Die Neudefinition leistet keinerlei Einordnung des Burnout-Syndroms in das bestehende Klassifikationssystem psychischer Krankheiten. Ulrich Hegerl, der Vorstand der Deutschen Depressionshilfe, kann dem wenigstens einen positiven Aspekt abgewinnen. Zwar stecke hinter schweren Fällen des Burnout-Syndroms oft eine klassische Depression. Der Begriff „Burnout“ mache es Betroffenen aber leichter, Hilfe in Anspruch zu nehmen und über ihre Problematik offener zu sprechen. Schließlich ist das Burnout-Syndrom anders als eine Depression assoziativ mit beruflichem Erfolg, Leistung und Stärke verknüpft – die „nur“ vorübergehend durch einen Burnout gestört sind.

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